Vor 3 Tagen ist es erschienen, ich habe es mir gekauft und es gelesen – inzwischen schon dreimal! Als ich es aus dem Buchladen meines Vertrauens hier vor Ort abgeholt hatte, legte ich mich mit einem Kaffee in die Hängematte unseres Gartens – und stand erst wieder auf, als ich auf der letzten Seite angekommen war; danach nahm ich mir Textmarker und Post Its und begann erneut. Die Rede ist vom neuen Buch von Daniel Duddek „Sei stark wie ein Löwe – Wie Eltern ihre Kinder gegen Mobbing wappnen“.

Dass du, wenn du diese Zeilen liest, nicht weißt, wer Daniel Duddek ist, glaube ich fast nicht – für die wenigen, die bisher tatsächlich noch nicht von ihm gehört haben, sei er hier nur kurz vorgestellt (ich persönlich glaube, dass nach diesem Buch jeder wissen wird, WER Daniel Duddek ist; aber dazu später mehr). Daniel Duddek, 1985 geboren und aufgewachsen in Hamm in Nordrhein-Westfalen, ist Erzieher. Er ist Vater von 2 Kindern und hat in seinem bisherigen Leben schon so viel erreicht; das reicht manch anderem für gleich mehrere Leben. Als Heranwachsender empfand er sich selbst in seinem Klassenverband als wenig dazugehörig; kämpfte mit Minderwertigkeitskomplexen und einem nur gering ausgeprägtem Selbstwert. Er traf einige nicht so dienliche Entscheidungen für sein damals noch sehr junges Leben; begann nach der Schule eine Ausbildung zum Erzieher, um mit möglichst wenig Männern arbeiten zu müssen – und wurde aktiver Kampfkunstsportler und -trainer. Von hier an wendete sich das Blatt für ihn – und er fand seine Berufung, als er neben seiner Erziehertätigkeit begann, Kindern und Jugendlichen Tipps zu geben, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten und mit mehr Leichtigkeit ihren Alltag leben können. Die Idee von „Stark auch ohne Muckis“ war geboren und entwickelte sich kontinuierlich weiter. In jeder Stunde mit den jungen Menschen, deren Probleme er so gut nachvollziehen konnte, weil er selbst schon auf beiden Seiten beteiligt war – sowohl als Täter als auch (gefühlt) als Opfer – wurden die Ideen und Verhaltensweisen geübt, reflektiert und ggf. verändert, wenn Strategien in der realen Anwendung nicht den gewünschten Erfolg erzielten. „Stark auch ohne Muckis“ wurde ein Trainingskonzept aus der Praxis für die Praxis. Mittlerweile sind daraus neben den reinen Trainingskursen für Kita- und Grundschulkinder, Pädagogenfortbildungen, Elternworkshops, Eltern-Kind-Events und seit mittlerweile ca. 18 Monaten ein Fortbildungskonzept für Pädagogen und Quereinsteiger erwachsen, welches es immer mehr Kindern und Jugendlichen ermöglicht, mit ausgebildeten Stark auch ohne Muckis Trainern zu arbeiten. Inzwischen hat Daniel mehr als 300 Kinder- und Jugendcoaches, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainer*innen ausgebildet, die deutschlandweit tätig sind.
All diese vielen Erfahrungen aus seinen Kursen für Kinder, Jugendliche, Pädagogen und Eltern hat er in seinem neuen Buch zusammenfließen lassen und herausgekommen ist ein Buch, welches sich in einem Guss liest und durch enorme Praxisnähe und viele, viele Beispiele den Leser binnen weniger Zeilen in seinen Bann zieht.
„Wie Eltern ihre Kinder gegen Mobbing wappnen“ ist der treffende Untertitel des Buches – und so lässt sich der Inhalt des Buches in einem kurzen prägnanten Satz zusammenfassen. Denn genau darum geht es in diesem Buch. Oder etwa nicht? Ich denke, dass dieser Untertitel dem Buch nicht gerecht wird. Denn es ist soviel mehr drin für Familien, Kinder und Jugendliche, für Lehrer und Erzieher, für Trainer in Sportvereinen und einfach jeden, der Kinder liebt oder jedenfalls im Alltag mit ihnen zu tun hat.

Das Buch ist gegliedert in zwei große Bereiche. Im ersten Teil wendet sich Daniel der Frage zu, was Mobbing überhaupt ist und beleuchtet die Hintergründe dieses inzwischen oft recht inflationär gebrauchten Begriffes. Er stellt viele verschiedene Aspekte des Mobbings dar, geht auf die wichtige Vorbildfunktion von Erwachsenen ein und widmet viel Aufmerksamkeit auch der immer stärkeren Bedeutung sozialer Netzwerke bei der Verbreitung und Vervielfachung im Bereich Ausgrenzung und Diffamierung. Dabei lässt er ganz oft Kinder zu Wort kommen, in dem er praktische Beispiele aus seinen Kursen und Vorträgen heranzieht. Und er zeigt auch schonungslos und klar auf, wo der Keim des Mobbings in unserer Gesellschaft steckt und spricht von Verantwortung, die er gar nicht bei den Kindern, sondern viel mehr bei den die Kinder im Alltag begleitenden Erwachsenen sieht. Erwachsene, die selbst lästern, beleidigen, diffamieren – im Kontext von Castingshows, Kollegenschelte oder einfach über die böse Schwiegermutter, deren rotes Kleid man als unpassend angezogen empfunden hat – verlangen von ihren Kindern, sie sollen genau dieses Verhalten im Umgang mit anderen Kindern, Geschwistern, Lehrern oder der lieben Oma bitte unterlassen. Und – erwischt. Ja, es tauchen viele Beispiele auf, bei denen jede*r von uns sich hin und wieder an die eigene Nase fassen und feststellen kann, dass vergleichbare Situationen in unser aller Alltag durchaus mal vorkommen können. Wer nun denkt, er würde sich beim Lesen des Buches häufig wie an die Wand gestellt fühlen, sei ganz beruhigt. Daniel Duddek versteht es gekonnt, seine Beispiele und Darstellungen ohne ausgestreckten Zeigefinger und vorwurfsvollen Beigeschmack zu verpacken. Ihm ist wichtig, dass der Leser des Buches ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir alle alles sein können – Täter und Opfer – und dass diese Rollen fließend sein können. Er bittet seine Leser darum, ein Bewusstsein für diesen Umstand zu entwickeln und den eigenen Fokus zu verändern – weg von: immer die bösen anderen, hin zu: ich bin verantwortlich für meine Bedürfnisse, meine Gefühle und mein Leben.

Nach diesem ersten Teil wird es im anschließenden zweiten Teil noch deutlich praktischer. Auch hier beleben wieder viele Beispiele aus seiner langjährigen Erfahrung das Geschriebene, doch nun schaut er hin, welche konkreten Handlungsstrategien sich aus seiner Sicht bewährt haben. Was können wir aktiv tun, welche Ideen und konkreten Verhaltensweisen unseren Kindern vermitteln, damit sie sich in der Schule nicht mehr als der- oder diejenige fühlen, der/die immer von allen geärgert werden. Seine Grundidee lautet: Mobbing ist ein Gefühl, es ist ein in erster Linie gefühlter, individueller Zustand. Um die Widerstandsfähigkeit unserer Kinder in herausfordernden Situationen in der Schule, beim Sporttraining oder auch innerhalb von Geschwisterkonstellationen zu erhöhen, ist es seiner Ansicht nach erforderlich, dafür zu sorgen, dass Kinder (und auch Erwachsene) möglichst selten bis gar nicht in Situationen kommen, in denen sie sich gemobbt fühlen.

Ein wichtiger Baustein dafür ist, die Meinung anderer als eben eine andere Meinung zu akzeptieren, sie aber nicht von jedem Menschen gleichermaßen wichtig zu nehmen. Wenn ein Kind begriffen und verinnerlicht hat, dass die Meinung eines anderen für sein eigenes Gefühl von Glück und Zufriedenheit nicht ausschlaggebend ist, dann ist es auch nicht mehr abhängig von positiver Bestärkung und Bestätigung durch seine Umwelt. Die Basis all seiner Überlegung, der Grundstein seiner Überzeugung und damit die wichtigste Handlungsempfehlung überhaupt, die Daniel Duddek meiner Meinung nach in seinem Buch gibt, ist die des sicheren Hafens zu Hause. Bedingungslose Liebe als Grundpfeiler der Erziehung zu Hause, so dass unsere Kinder immer wissend durch ihr Leben gehen, dass – egal, welche Stürme sie durch die Schule und ihren sonstigen Alltag begleiten – zu Hause der Ort ist, an dem sie ihre Batterien aufladen, Energie tanken und sich vom Stress des „Lebens da draußen“ erholen können. Er vermittelt Eltern, welche Hindernisse sie sich dabei selbst in den Weg stellen und wie sich dies auf das Verhalten ihrer Kinder auswirken kann. Hilfreich ist dabei, dass er den Leser unterstützt, seinen Blickwinkel zu ändern und durch diesen Positionswechsel mitunter selbst erkennt, wie fatal die gutgemeinten bisherigen Erziehungsweisen genau das Gegenteil von dem bewirken, was gewollt und beabsichtigt war. Und er spiegelt immer und immer wieder, was die Kinder ihm erzählen.

Foto von Ben White auf Unsplash

Im Anschluss an viele konkrete Vorschläge auf Eltern-Kind-Ebene geht er gesondert auf die Rolle von Lehrern, Erziehern und Sozialpädagogen ein. Die „Ampel“ im Klassenzimmer wird dabei genauso thematisiert, wie das an-den-Pranger-Stellen des vermeintlichen Mobbers oder das indirekte Unterstützen des Wegschauens und Nichts-Tuns der Mitläufer in Mobbingsituationen. Alle vorherigen Eltern-Kind-Strategien werden auf ihre Tauglichkeit im beruflichen Kontext von Pädagogen noch einmal genau unter die Lupe genommen. Bedingungslose Liebe propagiert Daniel Duddek hier nicht; jedoch macht er sich stark dafür, dass alle Menschen, die Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten, dieselben Werte (vor-)leben, die sie an die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche vermitteln wollen. Leider finden Demütigungen, an-den-Pranger-stellen und diffamierendes Verhalten nach wie vor noch viel zu oft den Weg durch das Schultor oder die Eingangstür der Kindertagesstätten. Hier – genau wie auf Elternebene – ist es an der Zeit, den Fokus auf gute, wertschätzende und den Selbstwert der Kinder stärkende Gedanken zu legen, so dass sich negatives Verhalten wie von allein zur Hintertür hinaus begibt und im Leben aller Menschen mehr und mehr an Bedeutung verliert. Dies ist eine Mammutaufgabe, die jeden Tag von neuem beginnt – aber für die aufzustehen und sich einzusetzen es sich lohnt.

Im abschließenden dritten Teil folgt Hinweise zum Umgang mit Härtefällen, in denen häufig auch juristische Hilfe hinzugezogen werden sollte.

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Meiner Meinung nach für jeden Menschen, der mit Kindern zu tun hat – also für all jene Zielgruppen, die ohnehin in der Verantwortung sind: Eltern, Lehrer, Erzieher, aber auch Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden, Trainer in Sportvereinen, Omas und Opas, Onkel und Tanten … dieses Buch gelesen zu haben, wird im Idealfall dazu führen, dass Menschen sensibilisierter und mit einem geänderten Verständnis in Konfliktsituationen unterwegs sind. Vielleicht sorgt es dafür, dass Ratschläge á la „Jetzt wehr dich halt mal, wenn er dich haut, haust du zurück…“ oder „Lass dir das doch nicht gefallen,…“ weniger oft ausgesprochen werden und statt dessen mehr Liebe und Empathie ihren Weg in die Herzen, die Klassenräume und Kinderzimmer einziehen. Wenn es dazu führt, dass nur ein einziges Kind mehr Unterstützung im Umgang mit herausfordernden Alltagssituationen erfährt, dann hat Daniels Duddeks Buch schon etwas erreicht. Und wenn es nicht nur 1 Kind, sondern 10 oder 100 oder … werden, dann sind wir dem Ziel, Mobbing aus dem Leben unserer Kinder, Enkel und Urenkel zu verbannen, viele wichtige Schritte näher gekommen. Ich habe von diesem Buch inzwischen weitere 10 gekauft; 8 davon sind bereits verschenkt: an meine Mitarbeiterinnen, eines an meinen pubertären Sohn sowie eines an eine Familie, die ich seit einiger Zeit im familienbegleitenden Coaching unterstütze. Dieses Buch ist eine Bereicherung für jede Familie und von mir eine absolute Herzensempfehlung.

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